Ekzem und die Verbindung zur Darm-Haut-Achse
- Marcelline Goyen

- 4. Jan.
- 7 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 12 Stunden

Von Marcelline Goyen, BSc
Dermale Therapie | Internationale Dozentin | Autorin
Veröffentlicht am: 1. März 2026
Inhaltsverzeichnis
Ekzeme und die Verbindung zur Darm-Haut-Achse
Ekzeme – insbesondere die atopische Dermatitis (AD) – sind chronische, schubweise verlaufende entzündliche Hauterkrankungen, die sich durch starken Juckreiz, Erythem, Schuppung und nässende Läsionen auszeichnen. Sie stehen in engem Zusammenhang mit einer gestörten epidermalen Barriere und einem erhöhten pH-Wert der Hautoberfläche. Obwohl Ekzeme historisch vor allem als isolierte Hauterkrankung betrachtet wurden, zeigt eine wachsende Zahl wissenschaftlicher Studien, dass sowohl ihre physiologische Entstehung als auch ihr chronischer Verlauf weit über die Haut hinausreichen. In der klinischen Praxis zeigt die Untersuchung der Darm-Haut-Achse, dass der Gastrointestinaltrakt, das Darmmikrobiom und systemische Immunstörungen eine grundlegende Rolle bei der Entwicklung dieser Erkrankung spielen.
Klassische Erklärungsmodelle der atopischen Dermatitis
Traditionell wird die Pathogenese von Ekzemen durch vier zentrale Faktoren beschrieben:
Genetische Prädisposition: Verlustfunktionen im Filaggrin-(FLG)-Gen, das für die Bildung eines intakten Stratum corneum und die Aufrechterhaltung der Hautfeuchtigkeit essenziell ist.
Gestörte Hautbarriere: Erhöhte transepidermale Wasserverluste (TEWL) und eine strukturell beeinträchtigte Lipidmatrix.
Immunologische Dysregulation: Eine überaktive, Th2-dominierte Immunantwort mit erhöhter Produktion von Zytokinen wie IL‑4 und IL‑13.
Umweltfaktoren: Kontakt mit Allergenen, chemischen Reizstoffen, ungeeigneten Kosmetika, hartem Wasser oder extremen klimatischen Bedingungen.
Bei konstitutioneller (atopischer) Dermatitis treten typische Hautveränderungen häufig in Beugefalten wie Ellenbeugen und Kniekehlen auf und stehen oft im Zusammenhang mit dem „atopischen Marsch“ (allergische Rhinitis, Asthma, Urtikaria). Obwohl IgE-vermittelte Nahrungsmittelallergien in dieser Gruppe häufiger vorkommen, erklären diese klassischen Modelle allein nicht die systemische Komplexität und die unvorhersehbaren Schübe der Erkrankung.
Die Darm–Haut-Achse: Was sagt die moderne Wissenschaft?
Zahlreiche klinische Studien beschreiben die Darm-Haut-Achse als einen hochkomplexen, bidirektionalen Kommunikationsweg zwischen Darmlumen, neuroendokrinem System und Hautbarriere. Der Gastrointestinaltrakt gilt als das größte Immunorgan des Körpers, denn rund 70 % aller Immunzellen befinden sich im darmassoziierten lymphatischen Gewebe (GALT).
Für eine stabile Darmfunktion und eine ausgewogene immunologische Toleranz müssen drei physiologische Grundlagen erfüllt sein: eine dichte und intakte Schleimschicht, eine fest verschlossene und funktionierende epitheliale Barriere sowie ein vielfältiges und widerstandsfähiges Darmmikrobiom. Sobald dieses empfindliche Gleichgewicht gestört wird, bleiben die Folgen selten auf den Darm begrenzt. Stattdessen wirken sie systemisch und zeigen sich häufig in Form chronisch entzündlicher Hauterkrankungen.

Darmdysbiose, Mikrobiom-Imbalance und Ekzeme
Sowohl Kinder als auch Erwachsene mit atopischer Dermatitis zeigen konsistent deutliche Veränderungen ihrer intestinalen Ökologie, eine sogenannte Dysbiose. Dabei lässt sich häufig eine deutliche Verringerung nützlicher Bakterien wie Bifidobakterien und Laktobazillen beobachten. Gleichzeitig kommt es nicht selten zu einer Überwucherung opportunistischer Keime, darunter pathogene Bakterien, Hefen wie Candida oder parasitäre Erreger. Ein weiterer zentraler Befund ist die reduzierte Produktion kurzkettiger Fettsäuren (SCFA), insbesondere von Butyrat, das als Hauptenergielieferant der Kolonozyten und als wichtiger Regulator der Immuntoleranz gilt.
Der Verlust dieser mikrobiellen Vielfalt beeinträchtigt die natürlichen immunregulatorischen Mechanismen und verstärkt entzündliche Prozesse, wodurch die Schwelle für allergische Hautreaktionen deutlich sinkt.
„Leaky Gut“, erhöhte Darmpermeabilität und systemische Entzündung
Ein häufig diskutierter Mechanismus ist die erhöhte intestinale Permeabilität, auch als „Leaky Gut“ bezeichnet. Dabei kommt es zu einer Störung der Tight Junctions zwischen den Enterozyten, sodass bakterielle Bestandteile (z. B. Lipopolysaccharide, LPS), unvollständig verdaute Nahrungsbestandteile und Toxine vermehrt in den Blutkreislauf gelangen können. Dies führt zu einer Aktivierung des Immunsystems und kann eine chronische niedriggradige systemische Entzündung begünstigen, die sich unter anderem an der Haut manifestiert.
Bei Patient:innen mit atopischer Dermatitis wurden erhöhte Marker der intestinalen Permeabilität sowie systemischer Entzündungsaktivität beschrieben.
Ernährung, Intoleranzen und die Rolle von Histamin
Die Ernährung ist der wichtigste externe Faktor der Darm-Haut-Achse. Sie liefert essenzielle Makro- und Mikronährstoffe sowie präbiotische Ballaststoffe, die für Schleimhautintegrität, Immunsignale und Hautregeneration notwendig sind. Gleichzeitig können moderne Ernährungsgewohnheiten biochemische Trigger setzen, die dieses Gleichgewicht stören.
Nahrungsmittelallergien vs. nicht-IgE-vermittelte Intoleranzen
Echte IgE-vermittelte Allergien – häufig ausgelöst durch Kuhmilch-, Ei-, Weizen- oder Sojaproteine – sind bei Ekzempatienten verbreitet und müssen streng medizinisch betreut werden.
Nicht-IgE-vermittelte Intoleranzen hingegen verursachen verzögerte Reaktionen, oft durch Casein, Gluten oder Zusatzstoffe. Sie führen zu lokaler Darmentzündung und systemischer Reizung, auch wenn Allergietests negativ sind.
Histaminreiche Lebensmittel und gestörte Histaminverwertung
Bestimmte Lebensmittel – darunter Erdbeeren, Tomaten, gereifte Käsesorten, Schalentiere und fermentierte Produkte – enthalten entweder hohe Grundmengen biogener Amine oder wirken als direkte Histaminfreisetzer. Unter normalen physiologischen Bedingungen wird aufgenommenes Histamin im Darmlumen durch das Enzym Diaminoxidase (DAO) abgebaut.
Wenn jedoch die Darmfunktion beeinträchtigt ist oder eine Dysbiose die Produktion von DAO einschränkt, gelingt dieser Abbau nicht mehr ausreichend. Dadurch entsteht eine funktionelle Histaminintoleranz, die eine Vielzahl systemischer Beschwerden auslösen kann. Betroffene berichten häufig über Kopfschmerzen, chronische Müdigkeit, Schlafstörungen und ausgeprägte gastrointestinale Blähungen. Ebenso treten intensive Hautreaktionen auf, darunter akute Urtikaria, starker Juckreiz und hartnäckige Ekzemschübe.
Mehr über Histamin und seine Auswirkungen auf die Haut findest du in meinem ergänzenden Blogartikel: Wie Histaminintoleranz die Haut beeinflusst und was man essen sollte.
Ernährungsmuster und häufige gastrointestinale Fehler
Viele Menschen gehen davon aus, dass sie sich gesund ernähren, doch eine genauere Betrachtung zeigt häufig deutliche Dysbalancen. So wird oft entweder zu häufig gegessen oder Mahlzeiten werden ausgelassen, und viele Menschen essen zu hastig, ohne ausreichend zu kauen. Hinzu kommt nicht selten ein hoher Konsum von Zucker, Alkohol und Weißmehlprodukten sowie eine insgesamt fettreiche Ernährung, die nur wenig Eiweiß und Gemüse enthält. Ein weiterer verbreiteter Faktor ist der große Anteil ultraverarbeiteter Lebensmittel im Alltag.
Diese Ernährungs- und Essgewohnheiten verändern langfristig das metabolische Milieu, schwächen das Darmmikrobiom und führen zu Verdauungsbeschwerden wie Blähungen, Gasbildung, Verstopfung oder Durchfall. Innerhalb der Darm-Haut-Achse können solche inneren Belastungen systemische Entzündungsreaktionen auslösen, die sich schließlich als Akne oder atopische Dermatitis bemerkbar machen.
Infektionen, Stress und Umweltfaktoren
Die Stabilität der Darm-Haut-Achse kann durch verschiedene systemische Stressoren beeinträchtigt werden. So zeigen sich Ekzemschübe häufig nach Auslandsreisen, insbesondere wenn Durchfall oder veränderte Stuhlgewohnheiten auftreten. Solche Veränderungen weisen nicht selten auf bakterielle oder parasitäre Infektionen hin, die die Schleimhautabwehr und das Darmmikrobiom aus dem Gleichgewicht bringen.
Auch chronischer Stress spielt eine bedeutende Rolle. Er aktiviert die HPA-Achse, erhöht die Ausschüttung von Cortisol und führt zu einer gesteigerten Darmpermeabilität. Gleichzeitig beeinflusst er das Essverhalten und senkt die Schwelle für die Aktivierung von Mastzellen, was entzündliche Hautreaktionen begünstigt.
Darüber hinaus können Umweltbelastungen die Darm-Haut-Achse empfindlich stören. Neue Kosmetika, synthetische Duftstoffe oder Schadstoffe in Wohnräumen lösen häufig Kontaktdermatitis aus. Aeroallergene wie Hausstaubmilben oder Schimmelsporen aktivieren das mukosale Immunsystem und verstärken sowohl Haut- als auch Atemwegsreaktionen, was bestehende Ekzeme zusätzlich verschlimmern kann.
Therapeutische Konsequenzen: Was bedeutet das für die Behandlung von Ekzemen?
Ein integrativer, biologisch fundierter Ansatz geht weit über topische Steroide hinaus. Für nachhaltige Hautbarriere-Rehabilitation müssen die internen Trigger der Darm-Haut-Achse systematisch adressiert werden:
Klinische Maßnahme | Zielmechanismus & Vorgehen |
1. Gastrointestinale Diagnostik | Stuhlanalysen zur Mikrobiomdiversität und Erkennung von Infektionen |
2. Pathogenelimination | Behandlung von H. pylori, SIBO, Hefen oder Parasiten |
3. Identifikation von Sensitivitäten | Professionell geführte Eliminationsdiäten zur Unterscheidung von Allergien und Intoleranzen |
4. Mikrobiomaufbau | Strainspezifische Präbiotika und Probiotika (z. B. Lactobacillus rhamnosus) zur Reparatur der Tight Junctions und SCFA-Produktion |
5. Neuroendokrine Unterstützung | Stressreduktion und Optimierung der Schlafqualität |
Meta-Analysen zeigen, dass gezielte probiotische Supplementierung – besonders bei Kindern – die Schwere der atopischen Dermatitis signifikant reduzieren kann. Klinisch zeigt sich jedoch, dass Mikrobiomtherapie am effektivsten ist, wenn gleichzeitig Ernährungs- und Immuntrigger kontrolliert werden.
Fazit
Ekzeme sind keine rein oberflächliche Hauterkrankung. Bei vielen Betroffenen spiegeln chronische Hautreizungen eine tiefere Dysbalance zwischen Darm, Immunsystem und Hautbarriere wider. Durch die Berücksichtigung der physiologischen Mechanismen der Darm-Haut-Achse – Schleimhautintegrität, Mikrobiomvielfalt, gezielte Ernährung und Stressregulation – eröffnen sich neue, nachhaltige Wege für echte systemische Heilung.
Weitere Informationen finden Sie in meinem Buch zur Darm–Haut-Verbindung, erhältlich in niederländischer Sprache sowie seit Kurzem auch auf Englisch und Deutsch. Unsere Bücher.
FAQ
Welche Rolle spielt „Leaky Gut“ bei Ekzemen?
Erhöhte Darmpermeabilität ermöglicht das Eindringen von LPS, Toxinen und Nahrungsfragmenten in den Blutkreislauf. Dies löst systemische Entzündungen aus, die die Hautbarriere schwächen und Ekzemschübe verstärken.
Warum sind Allergietests negativ, obwohl bestimmte Lebensmittel Ekzeme auslösen?
Standardtests erfassen nur IgE-vermittelte Sofortreaktionen. Viele Ekzempatienten haben jedoch nicht-IgE-vermittelte Intoleranzen, die verzögert auftreten und keine IgE-Antikörper bilden.
Wie verstärkt Histaminintoleranz den Juckreiz?
Bei Dysbiose sinkt die DAO-Produktion, wodurch Histamin schlechter abgebaut wird. Histaminüberlastung führt zu Mastzellaktivierung und Nervenreizung in der Haut – der Juckreiz nimmt stark zu.
Kann die Reparatur des Mikrobioms Ekzeme vollständig heilen?
Die Darm-Haut-Achse ist ein zentraler therapeutischer Hebel, aber keine alleinige Lösung. Genetik und Umweltfaktoren spielen weiterhin eine Rolle.
Referenzen & wissenschaftliche Literatur
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Marcelline Goyen, BSc | Dermal Therapist & Autorin (Niederlande)

Über Marcelline Goyen, BSc: Marcelline Goyen, BSc, ist Dermal Therapist (nicht mehr praktizierend), internationale Dozentin und Autorin mit Schwerpunkt auf der Haut-Darm-Achse, dem Mikrobiom und der Hautgesundheit. Auf Grundlage von mehr als zwanzig Jahren klinischer Erfahrung widmet sie sich der Vermittlung wissenschaftlich fundierter Erkenntnisse über die Zusammenhänge zwischen Darm, Haut und Mikrobiom. Um dieses Wissen einem internationalen Fachpublikum zugänglich zu machen, veröffentlichte sie eine Reihe wissenschaftlich fundierter Fachbücher, die von Fachkräften im Bereich Haut- und Gesundheitsversorgung als Nachschlagewerke und Lehrmaterial genutzt werden. Darüber hinaus vermittelt sie ihr Wissen weltweit in Fachvorträgen, Webinaren und Fortbildungsveranstaltungen.
Erfahren Sie mehr über ihre Fachbücher und ihren wissenschaftlich fundierten Ansatz unter www.skin-gut-axis.com oder vernetzen Sie sich mit Marcelline auf LinkedIn.


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