Ekzem und der Zusammenhang mit der Darm-Haut-Achse
- Marcelline Goyen

- vor 20 Stunden
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Inhaltsverzeichnis
Ekzem und die Darm-Haut-Achse: die Rolle des Mikrobioms, der Ernährung und des Immunsystems
Ekzeme, insbesondere die atopische Dermatitis (AD), sind chronisch-entzündliche Hauterkrankungen, die durch Rötung, Juckreiz, Schuppung, nässende Läsionen, eine gestörte Hautbarriere sowie einen erhöhten Haut-pH-Wert gekennzeichnet sind. Obwohl Ekzeme häufig primär als Hauterkrankungen betrachtet werden, zeigen zunehmend wissenschaftliche Erkenntnisse, dass Entstehung und Persistenz weit über die Haut hinausgehen. Insbesondere der Darm, das intestinale Mikrobiom und das Immunsystem spielen hierbei eine zentrale Rolle.
Klassische Erklärungsmodelle für Ekzeme
Traditionell werden Ekzeme erklärt durch eine Kombination aus:
Genetischer Prädisposition, z. B. Mutationen im Filaggrin-Gen, das für die Integrität der Hautbarriere essenziell ist;
Gestörter Hautbarrierefunktion;
Immunologischer Dysregulation, insbesondere Th2-dominierter Entzündungsreaktionen;
Umweltfaktoren, wie Allergene, irritierende Substanzen, Kosmetika, Hautpflegeprodukte, Wasserexposition und klimatische Einflüsse.
Bei der konstitutionellen (atopischen) Dermatitis finden sich typische Lokalisationen wie Ellenbeugen und Kniekehlen sowie eine enge Assoziation mit anderen atopischen Erkrankungen wie allergischer Rhinitis, Asthma bronchiale und Urtikaria. Auch Nahrungsmittelallergien und -intoleranzen (z. B. Kuhmilch, Ei, Weizen und Tomate) treten in dieser Patientengruppe häufiger auf. Diese Erklärungsansätze greifen jedoch häufig zu kurz.
Die Darm–Haut-Achse: aktueller wissenschaftlicher Stand
Zunehmend wird in der Literatur die sogenannte Darm–Haut-Achse beschrieben – eine bidirektionale Kommunikation zwischen Darm, Immunsystem und Haut. Der Darm stellt das größte Immunorgan des Körpers dar: Etwa 70 % der Immunzellen befinden sich im Gastrointestinaltrakt.
Eine gesunde Darmfunktion beruht auf:
Einer intakten Mukosaschicht
Einer funktionell intakten intestinalen Barriere
Einem divers zusammengesetzten und stabilen intestinalen Mikrobiom
Störungen dieses Gleichgewichts können systemische Auswirkungen haben, darunter entzündliche Hauterkrankungen wie die atopische Dermatitis.

Darmmikrobiom und Ekzem
Sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen mit atopischer Dermatitis finden sich häufig Veränderungen des Darmmikrobioms, darunter:
Eine reduzierte Anzahl protektiver Bakterien wie Bifidobacterium und Lactobacillus
Eine vermehrte Präsenz potenziell pathogener Mikroorganismen (Bakterien, Pilze, Parasiten)
Eine verminderte Produktion kurzkettiger Fettsäuren (SCFA) wie Butyrat, die essenziell für die Darmbarriere und die immunologische Regulation sind
Diese Dysbiosen können zu einer gestörten Immuntoleranz, erhöhter Entzündungsbereitschaft und einer verstärkten allergischen Sensibilisierung führen.
Erhöhte intestinale Permeabilität („Leaky Gut“) und systemische Entzündung
Ein häufig diskutierter Mechanismus ist die erhöhte intestinale Permeabilität, auch als „Leaky Gut“ bezeichnet. Dabei kommt es zu einer Störung der Tight Junctions zwischen den Enterozyten, sodass bakterielle Bestandteile (z. B. Lipopolysaccharide), unvollständig verdaute Nahrungsbestandteile und Toxine vermehrt in den Blutkreislauf gelangen können. Dies führt zu einer Aktivierung des Immunsystems und kann eine chronische niedriggradige systemische Entzündung begünstigen, die sich unter anderem an der Haut manifestiert.
Bei Patient:innen mit atopischer Dermatitis wurden erhöhte Marker der intestinalen Permeabilität sowie systemischer Entzündungsaktivität beschrieben.
Ernährung, Intoleranzen und Histamin
Die Ernährung nimmt eine Schlüsselrolle innerhalb der Darm–Haut-Achse ein. Sie liefert essenzielle Makro- und Mikronährstoffe sowie Ballaststoffe, die für eine gesunde Darm- und Hautfunktion notwendig sind. Gleichzeitig können über die Ernährung auch Faktoren aufgenommen werden, die die Darmbarriere und Immunregulation negativ beeinflussen.
Nahrungsmittelallergien und -intoleranzen
Bei Patient:innen mit Ekzemen treten IgE-vermittelte Nahrungsmittelallergien häufiger auf, insbesondere gegenüber Kuhmilchprotein, Ei, Weizen/Gluten und Soja. Darüber hinaus können nicht-IgE-vermittelte Reaktionen (funktionelle Nahrungsmittelintoleranzen) klinisch relevante Symptome verursachen, auch wenn klassische Allergietests unauffällig sind.
Histaminreiche Lebensmittel
Bestimmte Lebensmittel (z. B. Erdbeeren, Tomaten, gereifter Käse und fermentierte Produkte) enthalten hohe Histaminmengen oder fördern die Histaminfreisetzung. Bei eingeschränkter Darmfunktion kann der Histaminabbau reduziert sein, was zu Kopfschmerzen, Müdigkeit, Schlafstörungen, gastrointestinalen Beschwerden, Angst- oder Paniksymptomen sowie Hautreaktionen wie Urtikaria, Juckreiz und Ekzemschüben führen kann.
Ernährungsgewohnheiten und häufige Fehler
Viele Patient:innen gehen davon aus, sich gesund zu ernähren, jedoch zeigen detaillierte Ernährungsanamnesen häufig:
Zu häufiges oder zu seltenes Essen;
Zu schnelles Essen und unzureichendes Kauen;
Übermäßiger Konsum von raffinierten Zuckern, Alkohol und hochverarbeiteten Kohlenhydraten;
Fettbetonte Ernährung bei gleichzeitig geringer Protein- und Gemüseaufnahme;
Hoher Konsum von Fertigprodukten und Snacks.
Langfristig können daraus gastrointestinale Beschwerden (Blähungen, Obstipation, Diarrhoe), Nährstoffmängel und entzündliche Hauterkrankungen wie Ekzeme oder Akne resultieren.
Infektionen, Stress und Umweltfaktoren
Ekzeme können zudem durch verschiedene weitere Faktoren ausgelöst oder verstärkt werden:
Ekzem nach Auslandsreisen, begleitet von Diarrhoe und veränderten Stuhlgewohnheiten → Hinweis auf bakterielle oder parasitäre Infektionen;
Chronischer Stress, der nachweislich die intestinale Permeabilität erhöht, das Darmmikrobiom verändert und proinflammatorische Immunantworten verstärkt;
Störungen des Haut- und Darmmikrobioms;
Neue Kosmetika, Duftstoffe oder Reinigungsmittel, die Kontakt- oder Inhalationsallergien über das mukosale Immunsystem auslösen können (z. B. Pollen, Schimmelsporen, Parabene, Tenside, Formaldehyd in Papierprodukten, neuen Textilien oder Bodenbelägen).
Bedeutung für die Therapie von Ekzemen
Ein integrativer Therapieansatz berücksichtigt nicht nur topische Behandlungen und symptomatische Maßnahmen, sondern auch potenzielle systemische Ursachen:
Diagnostik der Darmgesundheit und des intestinalen Mikrobioms;
Nachweis gastrointestinaler Pathogene (z. B. Helicobacter pylori, bakterielle Dysbiosen, Pilze, Parasiten);
Identifikation von Nahrungsmittelallergien und -intoleranzen;
Individuell angepasste Ernährungskonzepte und zeitlich begrenzte Eliminationsdiäten unter fachlicher Begleitung;
Unterstützung der Mikrobiomregeneration durch Ernährung, Prä- und Probiotika;
Stressmanagement und Lebensstilinterventionen.
Metaanalysen zeigen, dass bestimmte probiotische Stämme bei der atopischen Dermatitis – insbesondere im Kindesalter – einen moderaten, aber signifikanten therapeutischen Effekt haben. Wahrscheinlich ist der Nutzen von Probiotika am größten, wenn gleichzeitig auslösende Faktoren identifiziert und reduziert werden.
Fazit
Ekzeme sind keine rein kutanen Erkrankungen. Bei vielen Betroffenen spiegeln sie eine tieferliegende Störung im komplexen Zusammenspiel von Darm, Immunsystem und Haut wider. Die Berücksichtigung von Darmfunktion, Mikrobiom, Ernährung, Stress und Lebensstil kann helfen zu verstehen, warum Ekzeme entstehen, persistieren oder rezidivieren – und eröffnet zusätzliche therapeutische Perspektiven.

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Marcelline Goyen, BSc Hauttherapie & Autorin




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